Die fesselnde Geschichte meines Nachnamens

Die Herkunft meines Namens lässt sich durch alte Landkarten und Urkunden genauestens nachweisen – weil meine Vorfahren offenbar wichtig genug waren, um in Papierkrieg erwähnt zu werden. Diese Dokumente wurden bereits im vorigen Jahrhundert in speziellen Sammlungen herausgegeben; der Antrieb dazu war das frisch erwachte Deutschtum. Nach der als Demütigung empfundenen napoleonischen Besetzung war das kein Wunder, denn die Einquartierung in den Wohnungen – wie auch einige meiner Vorfahren zu berichten wissen – war besonders erniedrigend. Wer mag schon uninvitierte französische Gäste im Wohnzimmer? Viele Wissenschaftler und Heimatforscher machten sich natürlich sofort auf, meine Wurzeln zu entdecken – was macht man sonst mit seiner Zeit?

Die frühesten Datierungen der Funde mit Namensnennungen lagen im 15. Jahrhundert. In einer Zeit also, wo sich die Nachnamen zur Unterscheidung der Personen eingeführt hatten – revolutionäre Sache! Die sehr umfangreichen Sammlungen sind flächendeckend, so dass ich einen wunderbaren Überblick erhalte, wo sich meine Vorfahren herumgetrieben haben. Ihr soziales Umfeld springt mir förmlich aus den Seiten entgegen.

Durch glückliche Umstände – also pures Glück – erfuhr ich von Wissenschaftlern, die durch mühsames Suchen einiges über „Das Dorf zu valdike” in Erfahrung gebracht hatten. So entdeckte man den Text zweier Dokumente über die Mühle und das Dorf „zu valdike” in einer 8-bändigen Urkunden-Sammlung, die der preußische Geheimrat von dem Knesebeck 1864 zusammengestellt hat. Endlich bekam ich erste Hinweise auf die Herkunft meines Namens!

7. September 1333 – Das ist die früheste, mir bekannte Urkunde. Hierin verpfändet Balduin von Knesebeck die Mühle „zu valdike” und das gesamte Zubehör, auch dasjenige Feld, das im Feld „valdike” an der Wasserbrücke liegt. Atemberaubend spannend, nicht wahr?

Aus dem letzten Textteil ließ sich der damalige Standort der Mühle rekonstruieren. Außerdem erfahre ich von dem Feld „valdike”. Nehme ich noch die Informationen aus den Urkunden von 1340 dazu, erhalte ich Hinweise auf die Besiedlung: Dieses Feld (< 2000 ar) wurde meinen Vorfahren zugewiesen. Es reichte nach Meinung der Lokatoren für sieben Familien, die mit jeweils acht Morgen (Wendenmorgen) zufrieden sein mussten. Warum man für das Feld die Bezeichnung „valdike” wählte, ist nicht bekannt. Es wäre möglich, dass man das Feld „valdike” (val = falb, entfärbt) nach dem Teich am unteren Feldrand benannt hat, was „bleicher Teich” bedeuten würde. Es kann sich aber auch um einen langweiligen Arbeitstitel handeln, den der Lokator bei der Feldzuweisung benutzt hat. Wie geheimnisvoll!

1340 – Aus diesem Jahr gibt es zwei Urkunden: 1. August – Hier geht es um die zu leistenden Abgaben: Eine Geldabgabe oder 9 Eimer Honig. Ich erfahre dabei, dass im Dorf „zu valdike” jetzt außer den anfänglichen 7 Familien noch 2 Kotsassen dazu gesiedelt hatten. 14. September – Die Mühle „zu valdike” wird verkauft. Diese Urkunden belegen, dass der Herzog von Braunschweig/Lüneburg seine Verdrängungspolitik gegenüber dem Markgrafen von Brandenburg weiterhin fortsetzte. Das erreichte er durch geschickten Ankauf der Knesebeckschen Besitztümer, so dass derer von dem Knesebeck, die sich dem Markgrafen verbunden fühlten, aus dem braunschweigischen Einflussgebiet in die Altmark abgedrängt wurden. Dieser Prozess war um 1350 abgeschlossen und meine Vorfahren wurden ins benachbarte Dorf Knesebeck umgesiedelt. Politik war schon damals ein schmutziges Geschäft!

Heute noch gibt es das Vahldieker Feld, dessen ursprüngliche Form durch Nachrodung erweitert wurde. Zwischenzeitlich hieß es Valendiecksfeld oder Fahldiecksfeld – man konnte sich offenbar nicht entscheiden. Am Rande verwies die „Vahldiekerstraße” auf das historische Gebiet. Neuerdings heißt die Straße „Im Vahldieck” – moderne Zeiten erfordern moderne Namen!

Das Feld „valdike” ist also der glorreiche Ursprung, Dorf und Mühle werden durch die Formulierung „zu valdike” dem Feld zugeordnet.

Aus den acht mir bekannten Karten ab 1754 lassen sich deutliche Hinweise auf den Standort von Mühle und Dorf ableiten. Die ersten Karten von 1765 zeigen bereits verlandete Teiche. Aus der so genannten Landaufnahme von 1779 lässt sich der ursprüngliche Mühlenteich, der eventuell „valdik” hieß, rekonstruieren. Ebenso der Stauteich, der durch den mit „Wasserbrücke” bezeichneten Damm entstand. Auch der Verlauf des Dammes wird 1779 abgebildet. Auf die ehemalige Lage des Dorfes „zu valdike” gibt es hier keinerlei Hinweis – wie ärgerlich!

Erst in der sogenannten Verkopplungskarte von 1848, als das zerstückelte Ackerland anders aufgeteilt wurde, wird der Umriss des Dorfgeländes des 7-hufigen Rundlings deutlich sichtbar. Offenbar befand sich hinter den in der Mitte hufeisenförmig angeordneten sieben Häusern Gartenland. Dieses Gelände mit einer Ausdehnung von etwa 250 m wurde damals bei der Umsiedlung (um 1350 nach Knesebeck) nicht in Ackerland umgewidmet, sondern diente danach insgesamt als Gartenland. Die Fachwerkhäuser wurden entfernt, ja vielleicht sogar nach Knesebeck mit genommen – Recycling gab es schon damals!

Die Fläche, auf der einstmals das Dorf und das dazugehörende Gartengelände lag, wurde den Ackerhufen gemäß aufgeteilt. Das ist in der Verkopplungskarte deutlich sichtbar. Der Weg, der an dem Dorf vorbei führte, ist immer noch erhalten und muss den uralten Verlauf haben – manche Dinge ändern sich nie.

Die Zuordnung des Teilstücks „A” ist für mich besonders wichtig. Es gehörte dem ehemaligen Schulzen. Beim Umzug nach Knesebeck erhielt er vorzugsweise ein günstiges Grundstück „a” außerhalb des Dorfes jenseits des Knesebaches. Dadurch unterschied er sich von den anderen Umsiedlern, die in Knesebeck untergekommen waren. Daher liegt es nahe und entspricht auch den damaligen Gegebenheiten, dass dieser Hof Valdicker Hof (to dem valdike) genannt wurde, weil er sich als Einziger durch seine abgelegene Position heraushob – der Außenseiter sozusagen!

Als dann 1451 die erste Knesebecker Steuerliste erstellt wurde, gab es unter den 18 Bauern nur einen meines Namens, nämlich Berteld Valdick. Das ist auch die offenbar erstmalige Nennung meines Namens, die in der als Winsener Schatzregister bekannten Sammlung (1891) angegeben wurde. Berteld, den ich als meinen gemeinsamen Stammvater ansehe, dürfte den im Bild mit „a” gekennzeichneten Hof bewirtschaftet haben, jetzt Wittingerstr.18 – falls Sie mal vorbeischauen möchten!

Von hier ausgehend wird eine Abwanderung und Ausbreitung in südöstlicher Richtung anhand von umfangreichem Urkundenmaterial sichtbar. So sind es um 1500 bereits drei Familien in Garmsen und ab 1564 jeweils je eine Familie in fünf benachbarten Orten. Bei der weiteren Wanderungsbewegung, die bis nach Köthen reichte, hat mein anfänglicher Name „Valdick” bislang 83 Varianten erfahren – man war kreativ beim Buchstabieren! Von denen sind noch u.a. in Gebrauch:

Vahlteich, Valdeig, Vahlendieck, Fahldieck, Vahldieck, Vahldiek

Und so endet die glorgreiche Geschichte meines Namens – von einem Teich zu 83 Schreibweisen. Was für eine Reise!


Datenquelle: https://www.familienverband-vahldiek.de